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Jack Wolfskin, Abmahnungen und das Internet

Die Abmahnungen der Firma Jack Wolfskin gegen Tierpfoten-Motive benutzende Kleinunternehmer machen gerade im Internet die Runde. Die Outdoor-Marke fühlt sich durch diverse Tatzenabdrücke in ihrem Markenrecht bedroht und verteidigt es mit Abmahnunsummen gegenüber Klein(st)unternehmern, die sich im Bereich von 850-1000 Euro bewegen.

Die mir bekannte Jack Wolfskin-Pfote stellt eine stilisierte Wolfspfote dar, gehalten in gelb auf schwarz mit 45° Neigung nach rechts oben, bewehrt mit Krallen. Beim deutschen Patentamt ist eine generische schwarz-weiße Pfote in 45° aufsteigendem Winkel, Neigung nach rechts, in einigen Markenbereichen geschützt.

Wie Jack Wolfskin jetzt darauf kommt, dass eine senkrecht nach oben weisende eindeutig als solche erkennbare Katzenpfote ohne Krallen ihre schräge Wolfspfote markenrechtlich verletzt, ist mir sehr unklar. Aber über diese Problematik wird im Internet schon an anderen Stellen diskutiert, also fühle ich mich nicht in der Pflicht, mein eigenes Halbwissen auch noch unters Volk zu bringen.

Was mich an dieser Debatte fasziniert, ist eher soziologischer Natur.

Jack Wolfskin ist eine große Firma, die für den Endverbraucher eigentlich nur durch ihre Produkte und Verkaufsflächen in Erscheinung tritt. Verwaltung, nationales und internationales Geschäftsgebahren und Einkaufsgegebenheiten sind von der öffentlichen Wahrnehmung größtenteils losgelöst. Anfragen von verbraucherorientierten Stiftungen wie zum Beispiel der Stiftung Warentest im Jahr 2004 werden nicht beantwortet. Jack Wolfskin ist eine schweigsame Firma, die anscheinend nur mit ihresgleichen kommuniziert, und solche Kommunikation wird nicht an die Öffentlichkeit getragen.

Dann mahnt Jack Wolfskin zuerst Dawanda, eine Internetplattform zur Veräusserung von Selbstgemachtem, wegen angeblicher Markenrechtsverletzung ab, und danach auch die Hersteller der betroffenen Artikel. Dawanda wickelt diese Dinge wie üblich stillschweigend ab, aber als die Abmahnungen bei den Kleinstunternehmern und Heimarbeitern ins Haus flattern, wird es öffentlich.

Eine Frau, die eine Abmahnung erhält, postet lapidar die Abmahnungssumme. Andere Betroffene melden sich, die Liste der Abgemahnten wächst. Stimmen werden laut, die die Abmahnung für nicht gerechtfertigt halten, man rät zum Widerstand. Die liebe Geldfrage wird erhoben – wer schon keinen Tausender zum Bezahlen der Abmahnsumme hat, kann nicht für 10.000 Euro einen Prozess führen. Möglichkeiten wie Prozesskostenhilfe und Beratungshilfe werden erwähnt – die Internet-Community unterstützt ihre Mitglieder.

Ein großes Blog wird aufmerksam und macht die Geschichte publik. Der Artikel bei Webeblogger wird so beliebt, dass die Seite wegen Überlast in die Knie geht und gespiegelt werden muss. Weitere Blogs beschäftigen sich mit dem Thema, und mit Spiegel Online, Focus und der Taz schwappt die Story über die im hohen dreistelligen Bereich abgemahnten Bastelomis und Stickmamis mit Katzenpfötchen in die Printmedien. Die dpa nimmt die Abmahngeschichte in ihren Newsticker auf.

In den Foren und Kommentar-Thread kocht eine selbstgemachte Protestwelle hoch. Kaum jemand kann das Vorgehen des Unternehmens nachvollziehen, und fast jeder Kommentator verspricht einen vollständigen Boykott der Produkte dieser Firma. Bezeichnender Weise wird dies  unter anderem mit dem so sorgfältig gepflegten Image der Firma begründet: Eine Marke, die für sich hohe Qualität und Freiheit (-sdenken) beansprucht, sollte sich nicht über Vlieskissen und Stickmuster von Hobbyisten mit Gewerbescheinchen und Mehrwertsteuerbefreiung aufregen.

Nach Jahren, in denen große Unternehmen in einem stillschweigenden Firmen-Vakuum operierten, stoßen sie auf einmal auf das globale Dorf und die soziale Kontrolle, die es über seine Mitbewohner ausübt.

Ein Unternehmen, das im Internet präsent ist, wird von den Internettern nicht nur nach seinen Produkten sondern auch nach der Art und Qualität seines Internetauftritts und der Internetkommunikation beurteilt. Läuft diese Kommunikation aus dem etablierten Internet-Muster “erst anfragen, dann zuhauen” heraus, so ist die Empörung groß. Warum hat JW gleich und aus “heiterem Himmel” abgemahnt, wenn eine billige und schnelle eMail es für alle Beteiligten einfacher gemacht hätte? Wofür eine Anwaltskanzlei und ein Einschreiben bemühen, wenn ein freundlicher Hinweis ausgereicht hätte?

Abmahnungen sind im Inter-Business-Geschäft Deutschlands ein beliebtes Mittel, die Konkurrenz auf Grenzüberschreitungen hinzuweisen und sich als Geschädtigter schadlos zu halten. Aber was zwischen Kaufleuten Gang und Gäbe ist, stößt bei Kleinunternehmen, die eigentlich Privatleute mit Hobby-Ambitionen und einer Verkaufserlaubnis sind, auf Unverständnis. Nicht zuletzt, wenn die Abmahnsumme 10% oder mehr des erwarteten Jahresumsatzes des Verkäufers beträgt.

Schon einmal Siemens auf 10% seines Jahresumsatzes abgemahnt?

Der Vergleich “David gegen Goliath” wurde schon oft genannt, und im Fall Jack Wolfskin schlägt die Internet-Community international zurück. Produktboykott, Protestbriefe, ätzende Blognachrichten und Übersetzungen derselben nach Englisch, der eigentlichen Verkehrssprache des Internets, sind die Folge. Der Volkszorn kocht zusammengefasst aus drei Gründen hoch:

a) die Firma hätte sich nachvollziehbarere Abmahnobjekte aussuchen sollen – eine Katzenpfote senkrecht nach oben auf einem Kissen sieht für den normalen Internetbenutzer einfach nicht aus wie eine 45° nach rechts geneigte Wolfspfote mit Krallen. Dies betrifft die allgemeine Nachvollziehbarkeit der Vorwürfe.

b) die Firma hätte ihren kleinen Abgemahnten zuerst in einer eMail erklären können, dass sie sich beeinträchtigt sieht. Weitere Eskalationsstufen stünden Jack Wolfskin immer noch offen, und sie müssten nur 5 Tage warten. Dies betrifft die Höflichkeit im Internet.

c) die Firma hätte sich einen geringeren Streitwert aussuchen sollen, der der Schwere des Vergehens angemessen wäre – und nicht 10% des Jahresumsatzes der Abmahn-Opfer darstellt. Dies betrifft das richtige Verhältnis zwischen Vergehen und dagegen eingesetzter Keule.

Ich sehe hier einen Prozess, in dem Unternehmen im Internet wieder unter soziale Kontrolle gebracht werden. Die abgehobene Unternehmenskultur ist im Internet und an den Grenzen zum Hobby und Kunsthandwerk nicht effektiv durchsetzbar. Stattdessen setzt sich das globale Dorf durch: Jeder Internetter wird nicht nur nach den Regeln des Geschäfts sondern auch nach den Regeln der sozialen Gruppe seiner Interaktionspartner gemessen. Ein klar erkenntliches Vergehen wird nicht unterstützt sondern negativ sanktioniert, ein klar erkenntliches Unrecht wird unter allen Umständen angegriffen.

Auch im finsteren Mittelalter konnte sich der Hochadel (oder in der Gegenwart die Unternehmer) nicht alles erlauben: Er wurde von seinen Kollegen (Mitunternehmern), seiner Dienerschaft (den Angestellten) und seinen Ackerbauern (dem Rest der Menschheit) kontrolliert und wenn notwendig durch Gerüchte und ihre Folgen sozial sanktioniert.

In den letzten Jahren hat sich eine Kluft aufgetan, die Unternehmer und normales Volk trennt. Das Internet schließt diese Lücke und zwingt die Unternehmen wieder unter seine eigene soziale Kontrolle, während die Unternehmen ihre Macht auf das Internet ausdehnen. Der Prozess wird noch weiter anhalten, und er wird auf beiden Seiten schmerzhaft ablaufen.

Jack Wolfskin erlebt gerade einen Public Relations Super-GAU. Es werden noch andere folgen, bis jeder die Spielregeln des Internet zumindest rudimentär versteht.

Ich hege Hoffnungen für das globale Dorf und die Randgruppen, die es beschützt.

Ceterum censeo: Das deutsche Abmahnrecht muss reformiert, und erste Abmahnungen dürfen nicht beliebig beziffert werden.
Als Logos verwendete Natursymbole etc. gehören nicht unter das Patentrecht sondern höchstens in ihrer Gesamtheit (mit Schriftzug) und einzigartigen Darstellung unter Gebrauchsschutz.

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9 comments to Jack Wolfskin, Abmahnungen und das Internet

  • Das trifft ziemlich genau meine Gedanken!

    Liebe Grüße, Smila

  • sanyi

    Grossartig auf den Punkt gebracht!

  • Stimme dir zu und möchte noch einen Punkt ergänzen: Wir erleben hier, wie durch das Internet neu bestimmt wird, was Nachrichtenwert hat, und was nicht. Früher hätten die Betroffenen nur hoffen könne, dass sie vielleicht einen Zeitungsredakteur für das Thema interessieren können und der eine kurze Meldung ins Blatt hebt – das wäre wohl eher unwahrscheinlich gewesen: vielleicht ist JW guter Anzeigenkunde? Und wen interessieren schon ein paar Kleinunternehmerinnen?
    Durch die ganzen Blogs und die dadurch möglichen ungefilterten Publikationsmöglichkeiten aber wird diese Abmahngeschichte so bedeutsam, dass etablierte Medien quasi gezwungen sind, darüber zu berichten. Also der Wandel von einem Top-down-Prozess (Medien entscheiden, was nachrichtenwürdig ist und was nicht) zu einem bottom-up-Verfahren.
    Du hast recht: Es wird noch spannend werden, und für einige Firmen (und Medien) schmerzhaft.

  • Ganz ausgezeichneter Artikel!

  • Ich muss sagen, mittlerweile macht mir eine Dynamik wie diese auch etwas Angst. Denn Symphatien können ebenso in die andere Richtung ausschlagen. Dennoch sehr schöner Artikel, den ich gern gelesen habe. MfG, eine Bastelmutti

  • Wow, hast Du toll geschrieben, hat mich sehr berührt. Das Thema wird auch schon tagelang in der spinnwebe.de diskutiert. Bei den Seifensiedern habe ich es auch gelesen. Ist auch gut so!
    Dir noch einen schönen Tag und herzlichst
    margit

  • rabe

    “Jack Wolfskin – Dies ist erst der Anfang”
    Die Bären-Community hat Ärger mit JW:

    http://skorpionstich.wordpress.com/2009/10/22/jack-wolfskin-dies-ist-erst-der-anfang/

  • Ich fände es toll, wenn ein viel größerer Skandal zu heftigen Stürmen im Internet führen würde: nämlich die Tatsache, dass es ein paar windige sog. Geschäftsleute, Banker und sonstige Raffzähne geschafft haben, das wir als Steuerzahler dafür sorgen, dass ihre Taschen garantiert nicht leer werden, nur unsere. Was denkt ihr wohl, warum der Staat auf allen Ebenen so knapp bei Kasse ist? Bestimmt nicht, weil wir zu oft zum Doktor gehen oder zuviele Kinder in Kundergarten und Schule schicken!

    Petra

  • [...] des Klassikers David gegen Goliath, bei welchem die Sympathien recht klar verteilt ist. So haben die an die Bastler verteilten Abmahnungen samt Kostennoten von rund 900 Euro zu mehr als einem [...]

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